Dr. Röhrborn im Interview

Adipositas und Begleiterkrankungen

Priv.-Doz. Dr. med. Ansgar Röhrborn ist Chefarzt des Departments für Oberbauch- und Endokrine Chirurgie, Adipositaszentrum am St. Josef-Krankenhaus.

Anlässlich des 8. Adipositastages beantwortet Priv.-Doz. Dr. med. Ansgar Röhrborn Fragen rund um das Thema "Begleiterkrankungen der Adipositas".

Warum fällt es Betroffenen so schwer, die Adipositas selbst zu behandeln und ihr Gewicht zu reduzieren?

Röhrborn: Nahezu wöchentlich werden neue Diäten, die Schönheit, Gesundheit und Glück verheißen, auf den Titelseiten der Boulevardblätter angekündigt. Wer einmal selbst versucht hat, auch nur einige Kilo, geschweige denn ein Drittel seines Körpergewichts dauerhaft zu verlieren, weiß, wie hart der Kampf ist. Die Vielzahl der verschiedenen angepriesenen Methoden weist darauf hin, dass wahrscheinlich keine einzige richtig gut funktioniert. Aber warum ist das so?

Der Mensch hat im Verlauf seiner Entwicklung über mehrere Millionen Jahre die Fähigkeit entwickeln müssen, Hungerphasen zu überstehen, weil die Versorgung mit Nahrung alles andere als sicher war. Dazu kann er seinen Kalorienbedarf dem Angebot anpassen und den Stoffwechsel bei knappem Nahrungsangebot reduzieren. Diese Fähigkeit, die in der Steinzeit die Zeit bis zum nächsten Jagderfolg zu überbrücken half, greift nun auch bei Diäten. Anfangs fällt das Gewicht ganz ordentlich, aber nach 14 Tagen beginnt der Körper sein Gegenprogramm aufzubauen und jede weitere Gewichtsreduktion will sehr zäh erkämpft sein. Ermattet man aber in seinem Bemühen, dann stößt das jetzt wieder größere Nahrungsangebot auf einen Körper, der gerade gelernt hat, mit minimalen Mengen auszukommen. Das Resultat ist eine rasche Wiederzunahme, die meist sogar bis über das ursprüngliche Gewicht hinausgeht.

Wenn man vorhat, dem Gewichtsverlust durch vermehrte körperliche Aktivität nachzuhelfen, ist das sicherlich eine gute Idee. Schaut man aber in entsprechende Tabellen des Kalorienverbrauchs bei Sport, so wird man tief enttäuscht: auch das gehört zu unserem genetischen Programm. Man kann viel Arbeit leisten und benötigt dabei relativ wenig Kalorien. Darüber hinaus ist die Neigung, sich nach dem Sport mit einer Sonderration zu belohnen, groß. Wer kennt das nicht?

Überlisten kann man dieses System nicht, aber durch langanhaltende minimale Nahrungsaufnahme kann man natürlich die Grenzen der Anpassungsfähigkeit an die Mangelsituation überschreiten, aber zu welchem Preis? Als erstes muss man sich klarmachen, dass man sich auf ein Mini-Ernährungsprogramm für den Rest seines Lebens einstellen muss. In der Phase des Abnehmens muss die Nahrungsaufnahme natürlich noch geringer sein und das ist richtig hart.

Begleiter solcher Bemühungen sind meist

  • Schwächegefühl
  • Konzentrationsstörungen
  • extremes Hungergefühl
  • Aggressivität und
  • Misslaunigkeit.

Kein Wunder, dass die allermeisten Menschen nach wenigen Wochen solcher Erfahrungen sprichwörtlich das Handtuch werfen und zu ihren alten Gewohnheiten zurückkehren - mit dem zuvor beschriebenen Effekt. Daher ist man sich in Ärztekreisen weitgehend einig, dass fünf Kilogramm Gewichtsverlust bei den allerwenigsten Menschen überschritten werden können. Schon dieser geringe Gewichtsverlust ist für die Gesundheit von Wichtigkeit, aber entspricht oft nicht den gesteckten Zielen.

 

Welche Begleiterkrankungen können auftreten, wenn man an Adipositas leidet?

Röhrborn: Adipositas kann eine Vielzahl von Begleiterkrankungen hervorrufen, weil die Funktion des ganzen Körpers empfindlich gestört wird. Einige stehen aber mehr und andere weniger im Vordergrund.

Besonders häufig sind Bluthochdruck, Zuckerkrankheit und vorzeitiger Gelenkverschleiß vor allem der Fuß-, Knie- und Hüftgelenke. Eine etwas weniger bekannte, aber häufige und wichtige Folgeerkrankung ist die sogenannte Schlafapnoe, bei der der Patient während des Schlafs aufhört zu atmen. In der Konsequenz gehen bei diesen Sauerstoffmangelzuständen jede Nacht Hirnzellen zugrunde, der Schlaf ist nicht erfrischend und die Patienten leiden unter sogenannter Tagesmüdigkeit, die einen mehrfach im Laufe des Tages zwanghaft einschlafen lässt. Viele Patienten haben auch im wachen Zustand Atemstörungen oder asthmatische Beschwerden, die ihre körperliche Belastbarkeit einschränken.

Bei adipösen Patienten kommt es in den Blutgefäßen der Beine leichter als bei Normalgewichtigen zur Ausbildung von verstopfenden Blutgerinnseln, die als Spätfolge ein offenes Bein nach sich ziehen können oder mit dem Blutstrom in die Lunge verschleppt werden und hier als Embolie die Blutgefäße verstopfen. Dies kann zu einer chronischen Lungenschädigung, in einigen Fällen auch zum Tod führen.

Auch die untere Wirbelsäule ist den Belastungen des großen Gewichts, das sie tragen muss, oft nicht gewachsen. In der Konsequenz drücken sich die Bandscheiben, die als elastische Polster zwischen den einzelnen Wirbeln liegen, nach hinten zwischen den Wirbeln heraus. Dort drücken sie auf das Rückenmark oder auf austretende Nerven mit der Konsequenz von Schmerzen, Taubheitsgefühl und Lähmungen.

In der Konsequenz der Zuckerkrankheit und der häufigen Fettstoffwechselkrankheit bildet sich eine Fettleber aus. Das ist zunächst ein Versuch des Körpers, mit der Situation zurechtzukommen, führt aber bei Weiterbestehen des Übergewichts zu irreversiblen Leberschäden wie einer Zirrhose, bei der das funktionierende Lebergewebe in zerstörender Weise von Bindegewebe ersetzt wird.

Die Kompetenz des Immunsystems wird durch die Adipositas herabgesetzt. Dies hat nicht nur zur Folge, dass die Patienten allen Arten von Infekten vermehrt ausgesetzt sind, sondern wirkt sich auch auf die Ausbildung von bösartigen Tumoren aus. Die Masse an Fettgewebe stellt offensichtlich einen andauernden Entzündungsherd dar, der die Möglichkeit des Körpers, mit Hilfe seines Immunsystems die Entstehung von Tumoren aufzuhalten, beeinträchtigt. So entstehen bei adipösen Menschen viele bösartigen Tumoren mit deutlich größerer Häufigkeit als bei anderen. Dies gilt zum Beispiel für Tumoren von

  • Darm
  • Niere
  • Speiseröhre
  • Bauchspeicheldrüse
  • Brustdrüse
  • Harnblase
  • Gebärmutter und
  • Leber.

Bei einigen ist das Risiko gegenüber Normalgewichtigen sogar verdoppelt.

Nicht bedrohlich, aber sehr unangenehm ist die bei einigen Frauen auftretende Unfähigkeit, den Urin einzuhalten, da das Fett des Bauches zu sehr auf die Blase drückt.

Bei alledem ist zu bedenken, dass diese Erkrankungen auch noch weitere Folgeerkrankungen auslösen können.

Wie beeinflussen diese Begleiterkrankungen das Leben der Betroffenen?

Röhrborn: All diese Erkrankungen haben natürlich einen Einfluss auf die Lebensführung und die Lebensqualität der Betroffenen.

Der Zuckerkranke muss oft seinen Blutzuckerspiegel kontrollieren und nicht nur dazu in die Haut stechen, sondern danach auch noch Insulin spritzen. Dabei kann es aufgrund der hohen erforderlichen Dosen schwierig sein, überhaupt Areale zu finden, in die das Insulin gespritzt werden kann. Ist der Blutzucker schlecht eingestellt, werden sich über die Jahre Komplikationen wie Aderverschlüsse am Bein oder Funktionsstörungen der Nieren bis hin zur Notwendigkeit der Dialyse einstellen.

Die Tagesmüdigkeit der Schlafapnoe-Patienten führt oft zum Verlust des Arbeitsplatzes. Wird die Erkrankung behandelt, dann geschieht dies mit einer Schlafmaske, über die die Atemluft mit einem leichten Überdruck zugeführt wird. Obwohl die Vorstellung, im Schlaf an eine solche Maschine angeschlossen zu sein, die dann auf dem Nachttisch steht, alles andere als erfreulich ist, sind die Patienten durch diese Behandlung doch oftmals in höchstem Maße erleichtert.

Die Gelenkbeschwerden können jegliche körperliche Aktivität erschweren oder verunmöglichen und die Bandscheibenprobleme der Wirbelsäule bedeuten chronische Schmerzen, können die Patienten zwingen einen Rollator zu benutzen oder fesseln sie gar an einen Rollstuhl.

Viele Patienten verlieren durch diese Einschränkungen in ihrem Alltag ihre Arbeit und ihre sozialen Kontakte. Dies hat natürliche Einflüsse auf das psychische Befinden, sodass Depressionen und andere Störungen auftreten.

Bei den Tumorerkrankungen hängen die unmittelbaren Auswirkungen natürlich von dem befallenen Organ ab. Aber in praktisch allen Fällen wird eine eingreifende Therapie erforderlich, sei es eine Operation, eine Chemotherapie, eine Bestrahlung oder eine Kombination dieser Möglichkeiten.

Wie kann man Begleiterkrankungen der Adipositas behandeln?

Röhrborn: Alle Begleiterkrankungen müssen behandelt werden. Dies ist oftmals schwierig und in manchen Fällen gar unmöglich. Da jede einzelne der erwähnten Störungen Therapiemaßnahmen benötigt, ist es nicht ungewöhnlich, dass die Patienten bis zu zehn verschiedene Medikamente einnehmen müssen und das mehrmals täglich. So muss der Diabetes oft mit Insulin eingestellt werden, zusätzlich ist aber in vielen Fällen auch noch ein anderes Medikament erforderlich. Der Bluthochdruck wird mit bis zu fünf verschiedenen Medikamenten behandelt. Viele Patienten benötigen zwei bis drei verschiedene Schmerzmittel. Der erhöhte Blutfettspiegel kann mit Medikamenten gesenkt werden. Bei alledem wird in der Regel zusätzlich ein Magenschutzpräparat verordnet.

Damit aber nicht genug: Ich habe bereits erwähnt, dass man bei Schlafapnoe mit einer Atemmaske schlafen muss. Einige Patienten benutzen auch in jungem Alter einen Rollator oder Gehstützen wegen der Gelenk- und Rückenbeschwerden. Eine operative Behandlung dieser Probleme kommt meist erst nach substantiellem Gewichtsverlust in Frage.

Diese Überlegung bezieht noch nicht die weiteren Folgekrankheiten ein. So führt der Diabetes zu Nierenfunktionsstörungen, zu Durchblutungsstörungen der Beine und Sehstörungen, die allesamt behandelt werden müssen. Der Bluthochdruck schädigt das Herz und das Gefäßsystem und kann damit - vor allem auch in Zusammenspiel mit den anderen Erkrankungen - zahlreiche schwerwiegende Komplikationen nach sich ziehen.

Man kann unter diesen Umständen kaum glauben, dass eine wirkungswolle, und damit in den meisten Fällen operative Behandlung der Adipositas alle diese Erkrankungen heilt oder bessert. Die Ergebnisse sind aber überraschend: In über der Hälfte der Fälle verschwindet der Diabetes ebenso wie der Bluthochdruck völlig. In den meisten anderen Fällen sind diese Erkrankungen merklich gebessert. 80 Prozent der operierten Patienten benötigen keine Schlafmaske mehr. Die Gelenkbeschwerden bilden sich zurück. Viele Kranke, die die Gewichtsreduktion unter anderem anstreben, um sich einer Gelenk- oder Rückenoperation zu unterziehen, benötigen diese Operation danach gar nicht mehr.

Selbstverständlich können irreversible Organschäden nicht mehr geheilt werden, aber es ist außerordentlich schwer, die noch rückbildungsfähigen von den endgültigen Schäden zu unterscheiden, bevor ein Patient operiert ist. So hat man festgestellt, dass die Rückbildung einer durch Diabetes bedingten Nierenerkrankung durch die Adipositas-Operation mit 28-Mal höherer Wahrscheinlichkeit erfolgt, als durch eine medikamentöse Therapie.

Nicht zuletzt kostet die Adipositas die Menschen Lebensjahre, von der Lebensqualität ganz zu schweigen. Ganz grob gesagt kann man von einer um zehn Jahre verkürzten Lebenserwartung ausgehen, wenn die Adipositas nicht behandelt wird. Alle nicht operativen Maßnahmen oder Medikamente können diese verkürzte Lebensdauer nicht ausgleichen.